Zeichen gegen Antisemitismus

Neue Akademie will Vielfalt jüdischen Denkens zeigen

2.11.2026, 15:18

«Ein Haus für alle, die klüger wieder herauskommen wollen.» In Frankfurt ist die Jüdische Akademie eröffnet worden – es ist die erste dieser Art seit der Schoah. Was soll die neue Einrichtung bieten?

Es soll ein Ort des Austausches, der Aufklärung und der offenen Begegnung sein: In Frankfurt ist die Jüdische Akademie eröffnet worden. Bei einem Festakt brachte ein Rabbiner gemeinsam mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Mesusa am Eingang an - eine Schriftkapsel, die als Haussegen gilt. «Mit dieser jüdischen Tradition eröffnen wir heute ein Haus für die ganze Vielfalt jüdischen Denkens und jüdische Erfahrungen», sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. «Für die über 1.700 Jahre alte Geschichte jüdischen Lebens in Deutschland ist dieses Haus wahrhaft ein Meilenstein.» 

Erste Bildungseinrichtung dieser Art seit der Schoah 

Die Akademie soll aufklären und die Normalität des Judentums zeigen. Sie fülle eine Leerstelle. Laut Schuster handelt es sich um die erste Einrichtung dieser Art seit der Schoah und die einzige ihrer Art in Europa. Sie soll sowohl innerjüdisch als auch außerjüdisch wirken.

Es sei «ein Haus für alle, die klüger wieder herauskommen wollen, als sie hineingegangen sind», sagte Steinmeier. Hier werde gelernt und gestritten, nachgedacht und zugehört. Es werde um das lebendige, vielfältige Judentum heute gehen, um jüdische Lebenswelten in Philosophie, Kunst und Literatur. Möge dieses Haus allen Besuchern zum beständigen, lebhaften und direkten Austausch einladen, sagte er. Nichts würde die Demokratie heute dringender gebrauchen. 

Antisemitismus darf keinen Einfluss auf Regierungsarbeit bekommen

Die Veranstaltung wurde zu einem eindringlichen Appell, gegen Antisemitismus zu kämpfen. Judenhass müsse ohne Hintertür und Vorbehalt in die Schranken gewiesen werden, sagte der Bundespräsident. «Wo über Koalitionen verhandelt wird und Regierungen gebildet werden, muss das Bedingung sein. Antisemitismus darf nirgendwo in Deutschland Einfluss auf die Regierungsarbeit bekommen.» 

Er habe eine klare Erwartung an alle Parteien: Im Ringen um die Macht dürfe der Schutz jüdischen Lebens niemals zur politischen Verhandlungsmasse werden. Niemals dürfe die direkte, glaubwürdige, unzweideutige Abwehr des Antisemitismus infrage stehen. 

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) ergänzte mit Blick auf die Linkspartei, die die Wahl zum Abgeordnetenhaus in der Hauptstadt gewonnen hatte: In Berlin werde eine Partei nicht trotz, sondern wegen ihres Antisemitismus gewählt. Mit solchen Leuten koaliere man nicht. Das gelte auch für die Rechten im Land. 

Akademie will Judenhass die Stirn bieten

«Judenhass bleibt Judenhass, egal von welcher Seite er kommt, egal welchen Motiven er folgt», sagte Steinmeier. «Wir erleben, dass Feinde der Demokratie an politischer Macht gewinnen.» Seit dem 7. Oktober 2023, dem Tag des terroristischen Überfalls der Hamas auf Israel, gebe es einen «explosionsartigen Anstieg» des Judenhasses, sagte auch Schuster. Dieser geschehe nicht heimlich, still und leise.

Dieser Judenhass sei Feind jeder Begegnung und jeder Aufklärung - und er müsse genau mit diesen Mitteln bekämpft werden: mit Offenheit, Aufklärung, Begegnung und «mit Bildung, Bildung und nochmals Bildung». Es sei auch die Aufgabe der Akademie, diesem Hass die Stirn zu bieten. Sie werde Raum geben für Differenzierungen, für unangenehme Fragen und schwierige Antworten. «Für Zumutung im besten Sinne des Wortes.»

Das Programm der Akademie reicht von internationalen Konferenzen bis zu Podiumsdiskussionen. Eine Kooperation gibt es mit der Frankfurter Goethe-Universität. Die Kosten von rund 40 Millionen Euro tragen der Bund, das Land Hessen, die Stadt Frankfurt und der Zentralrat.