Gesellschaft

Rätsel um den Einhornteppich der St. Gotthardtskirche

18.09.2026, 13:03

Die Kunstwelt rätselt über einen ungewöhnlichen Einhornteppich. Woher stammt er? Symbolisiert er religiöse Keuschheit? Oder doch eine Hochzeit am Hofe? Entschlüsselt ist sein Geheimnis längst nicht.

Von Anja Mia Neumann, dpa

Rätsel faszinieren die Menschheit seit Jahrtausenden - sie wecken unseren Ehrgeiz und oft umgibt sie etwas Magisches. Eines dieser Rätsel hängt in einer Vitrine in der St. Gotthardtkirche in Brandenburg an der Havel in Ostdeutschland: ein alter, wertvoller Einhornteppich. Woher das über fünf Meter lange Kunstwerk kommt, wie es entstanden ist und wofür es gefertigt wurde, bleibt trotz Spurensuche der Kunstwelt bisher rätselhaft. 

«Alle Fachleute, die bei uns waren, haben gesagt: Es gibt nichts Vergleichbares, weil das passt nicht in das Schema, das wir kennen», sagt Philipp Mosch, Pfarrer in der Gotthardtkirche. «Die Farben sind weitgehend original, und das ist das, was die Besucher am meisten fasziniert, diese intensive Farbigkeit.» 

Auf dem Teppich ist mittig eine Frau mit roter Haube und wallendem Gewand neben einem Brunnen zu sehen. Sie umfasst das lange Horn eines Einhorns und hält gewissermaßen mit ihm Händchen. Dabei scheint sie ihm direkt in die Augen zu blicken. Was könnte das Motiv bedeuten? Darüber wird spekuliert. 

Sehen wir, wie eine feine Dame vom Hofe einen Zwiespalt erlebt? 

«Wir sehen eine symbolische Hochzeit», vermutet Michael Philipp. Er ist Chefkurator im Potsdamer Museum Barberini. Die Dame sei eine Jungfrau inmitten einer höfischen Jagdgesellschaft und erlebe einen Zwiespalt: «Soll ich den weltlichen Weg des Wohlstands und der höfischen Gesellschaft wählen oder soll ich den geistlichen Weg wählen und ins Kloster gehen?» 

Dafür muss man wissen: In der Geschichte war das Einhorn ein Symbol für Christus und damit für Keuschheit und Reinheit. Da das Einhorn sogar in der Bibel erwähnt wurde, seien die Menschen früher selbstverständlich von der Existenz des Fabelwesens ausgegangen, erklärt Pfarrer Mosch. 

Durch einen Fehler in der Bibel glaubten die Menschen an Einhörner 

Ursprung war wohl ein Übersetzungsfehler in der Bibel: Aus einem wilden Stier sei ein Einhorn geworden, so Mosch. «Bis zur Neuzeit war völlig klar, dass es Einhörner gibt. Das hat niemand bezweifelt.» Im Mittelalter sei ein Einhorn ein gebräuchliches Symbol in der religiösen Kunst und auf Altarbildern gewesen. 

Historiker Philipp vermutet: Die keusche Teppich-Dame entscheidet sich für den religiösen Weg. «Sie gibt dem Einhorn als Christus die Hand, vermählt sich mit ihm und geht ins Kloster.» Der Teppich sei vielleicht eine Mitgift gewesen. 

Es könnte sich aber auch um eine weltliche Hochzeit handeln, meint dagegen die Kunsthistorikerin Claudia Rückert. «Diese Zähmung des Einhorns und die Jungfräulichkeit: Das könnte auch für ein Ehebündnis stehen.» Damit wäre die Dame dann nicht ins Kloster gegangen, sondern vermutlich am Hofe geblieben. 

Vor der Restaurierung hatte der vergessene Teppich schon Schimmel

Rückert ist Referentin für Kunstgut im kirchlichen Bauamt. Mit Dörte Busch vom Landesamt für Denkmalpflege hat sie vor einem Jahr die Restaurierung des Teppichs begleitet - damals hatte er schon Schimmel angesetzt bevor er ins Museum für eine Einhorn-Ausstellung ging. Neben dem Rätsel um die Deutung beschäftigen sie auch das Alter und die Herkunft des Einhornteppichs. 

«Mutmaßlich 15. Jahrhundert» steht an der Vitrine in der Kirche. Viele in der Kunstwelt gehen vom Spätmittelalter aus. So auch Expertin Rückert: «Ich würde ihn datieren auf zwischen 1460 und 1480, das passt einfach zum Duktus.» 

Vom Rückenwärmer im Schloss zum Altarbehang in der Kirche? 

Unheimlich teuer sei es gewesen, den Wirkteppich zu fertigen, meint die gelernte Restauratorin Busch. Von einer aufwendigen Handarbeit mit gefärbten Wollfäden berichtet sie im Podcast «Denkmalzeit» vom Denkmalamt: «Der Künstler hat am Tag vielleicht ein bis fünf Quadratzentimeter schaffen können.»

Einige Historiker rätseln, ob der Einhornteppich aus einem der Klöster in der Lüneburger Heide stammt. Andere sehen die Herkunft eher im Flämischen. Aber egal, wo er gefertigt wurde, einen religiösen Ursprung habe er nicht, legt sich Pfarrer Mosch fest. Die abgebildete Jungfrau sei nicht Maria: «Sie hat diese höfische Tracht an und man hätte Maria niemals so dargestellt.» 

Wahrscheinlicher erscheint dem Pfarrer, dass der Teppich für ein Schloss gefertigt wurde - für eine Bank, damit der Rücken beim Sitzen warm bleibt. «5,50 Meter lang und nur 1 Meter hoch - das ist das typische Maß eines sogenannten Banklakens oder Rücklakens», meint auch Historiker Philipp. Jahre später in der Kirche sei es dann vermutlich als Altarbehang genutzt worden. 

Vielleicht ein Teppich-Geschenk zur Vergebung der Sünden

Bleibt noch die Frage: Wie kam der Teppich überhaupt nach Brandenburg? «Es gibt die Vermutung, dass eine Gilde von Kaufleuten oder Handwerkern diesen Teppich gestiftet hat», berichtet Mosch. Das wäre nicht ungewöhnlich gewesen für den Ablasshandel zur Vergebung von Sünden. Oder banaler, meint Rückert: «Vorstellbar ist, dass er mal in einem Schloss gehangen hat und man ihn dann ästhetisch nicht mehr befriedigend fand und ihn der Kirche überlassen lassen.» 

So viele Fragen offen seien, so reizvoll sei die Beschäftigung mit dem Einhornteppich, meint Chefkurator Philipp. Das treibe ihn an, dem Geheimnis weiter auf die Spur zu kommen. «Es ist dieser Prickel, dass dieser Teppich eine Geschichte enthält, die man noch nicht entschlüsseln kann.»