Fußball-Nationalmannschaft
XXL-Klopp und das neue Wir-Gefühl: «Mehr geht erstmal immer»
17.09.2026, 11:54
Jürgen Klopp packt an. Vor der Verkündung seines Rekordaufgebotes mit 44 Namen für den ersten Schritt zur Rettung der Fußball-Nation schleppte der neue Bundestrainer eine Pappkiste in den überfüllten Presseraum auf dem Frankfurter DFB-Campus. Das Geheimnis über den Inhalt des Kartons lüftete er schnell. Kappen als Geschenk für die staunenden Reporter. Eine trug der 59-Jährige selbst. Der Leitsatz «Einer von 83 Millionen» und das schwarz-rot-goldene Sponsorenlogo prangten auf der Kopfbedeckung.
Klopps Signal: Alle sollen gefälligst mitwirken am Neuaufbau der nach dem nächsten WM-Debakel darniederliegenden Nationalmannschaft. Ein Wir-Gefühl soll zum Fundament des Neuanfangs werden. Aber: Die Entscheidungen trifft jetzt er. Natürlich. Und was für welche. Nicht die üblichen 23, nicht 26, auch nicht 30, sondern eben 44 Spieler berief der DFB-Chefcoach für die vier Länderspiele in der Nations League. Aufgeteilt sind sie in zwei Gruppen.
Nach den ersten beiden Spielen der Nations League in den Niederlanden am 24. September und drei Tage später gegen Griechenland in Augsburg wird für den zweiten Block gegen Serbien am 1. Oktober in München und wiederum drei Tage später in Griechenland durchgetauscht.
«Die Kaderzusammenstellung hat Spaß gemacht. Ich möchte so viele Spieler wie möglich kennenlernen und so viele Eindrücke wie möglich von ihnen bekommen», begründete Klopp. Die Gruppen seien kein A- und B-Kader. So wurden zum Beispiel Jamal Musiala und Florian Wirtz getrennt, ebenso die Münchner Mittelfeldkollegen Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlović. Nach Positionen, nicht nach Potenzialen wurde aufgeteilt.
Bettenwechsel in Herzogenaurach
So eine Spieler-Inflation gab es jedenfalls noch nie in der Länderspielhistorie. Also gibt es einen Bettenwechsel im Teamquartier in Herzogenaurach, das der neue DFB-Chefcoach als eine der wenigen Gewohnheiten von seinem Vorgänger Julian Nagelsmann für seine Bundestrainer-Premiere übernimmt.
«Wir sehen was in den Jungs, wir sehen ganz viel Potenzial. Es ist uns ganz viel Talent ins Auge gesprungen», sagte Klopp begeistert zu seiner Auswahl und verriet: Es hätten noch viel, viel mehr Spieler eine Berufung verdient gehabt. Deutschland habe gar kein Fußball-Qualitätsproblem, wie man noch im Sommer habe denken können, versicherte Klopp. Talent sieht er ausreichend vorhanden. Jetzt will er es sprichwörtlich zum Laufen bringen.
So finden sich also in dem Aufgebot elf Spieler, die noch nie bei der A-Elf waren. Und fünf weitere, die auch noch kein Länderspiel bestritten haben wie der Kölner Said El Mala oder Torwart-Backup Jonas Urbig vom FC Bayern. Dazu kommen einige Rückkehrer wie Serge Gnabry oder Karim Adeyemi und nur noch 16 von 27, die beim missratenen WM-Sommer in Amerika dabei waren.
Kein Undav, kein Sané, kein Baumann
Interessant sind auch einige prominente Namen, die trotz des XXL-Aufgebotes fehlen. Etwa Torwart Oliver Baumann, die drei Stuttgarter Deniz Undav, Angelo Stiller und Jamie Leweling, Leroy Sané oder auch der Dortmunder Maximilian Beier. Sie zählten alle noch zum WM-Aufgebot von Nagelsmann. Die Tür sei immer auf, versprach der Bundestrainer. Das klang nicht so überzeugend, wie viele andere Klopp-Aussagen. Zurückgetreten waren nach der WM alleine Rekordtorwart Manuel Neuer und Abwehr-Routinier Antonio Rüdiger.
Anführer bleibt Kimmich, der als Kapitän wieder im Zentrum spielen wird. In «keinem Gespräch» sei der Gedanke gekommen, ihn wie bei der WM als rechten Außenverteidiger zu positionieren, berichtete Klopp. Und es schwang wie mehrfach der Eindruck durch den Raum, eine Nagelsmann-Entscheidung werde als suboptimal gegeißelt.
Eine Klopp-Entscheidung ist: Nummer eins ist Marc-André ter Stegen, der nach seinen vielen Verletzungen bei Ajax Amsterdam wieder durchstartet und nun doch die Nachfolgelösung für Jahrhundert-Torwart Neuer sein soll. Dass die Premiere in Amsterdam steigt, passt zum Kitschfaktor der Geschichte.
Hinter ter Stegen (34) holt Klopp vier vergleichsweise jüngere Schlussmänner, neben Urbig (23), noch Alexander Nübel (29), Noah Atubolo (24) und Finn Dahmen (28). Für Baumann (36) ist da kein Platz mehr. So ist das Geschäft.
Fragezeichen bei den Fans ob der vielen neuen Gesichter nimmt Klopp mit seinem typischen Zahnpasta-Lachen hin. Mika Baur, Hennes Behrens, Phillip Treu, Derry Scherhant, Younes Ebnoutalib, Yannik Engelhardt, Finn Jeltsch, Bambasé Conté, Vitali Janelt, Max Rosenfelder und Felix Keidel - elf Namen, die viele erstmal googeln müssen.
Klopp findet es großartig, allen eine Chance geben zu können. Er will Potenziale erkennen und entwickeln. «Ihre Chance nutzen müssen sie jetzt selbst», gab er als erste Aufgabe mit. Zwei Minuten habe der Hoffenheimer Conté etwa bei dem Nominierungsanruf nur gelacht - vor Freude. Das gefiel dem Bundestrainer. Mit dem früheren Paderborner Baur, mittlerweile bei Celtic Glasgow, plauderte er viel über das lausige Wetter in Großbritannien und unkonventionelle Wege im Profi-Fußball. Das mag der Bundestrainer.
Statement für Vielfalt und Nationalstolz
Klopp wird und will ein Bundestrainer sein, der die Masse mitnehmen will. Nicht nur in seinem Premierenkader, sondern in übertragenem Sinne das große Ganze, die Nation. Entsprechend klar positionierte er sich - mit einer Frage konfrontiert - auch mit einem politischen Statement. Er verpackte dabei seine Kritik an antidemokratischen Tendenzen, ohne Parteinamen zu nennen. «Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen, wenn ich ganz ehrlich bin», sagte er.
Zuvor hatte Klopp an die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit dem Sieg der AfD erinnert, ohne sie explizit zu nennen. «Ich möchte Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen.» Er wisse aber gar nicht, ob man das Wort so benutzen dürfe, «ohne dass es falsch verstanden wird». Man könne stolz sein, Deutscher zu sein, und trotzdem für Vielfalt und Mitgefühl eintreten. «Ich finde tatsächlich, dass wir ein wundervolles Land sind», sagte der 59-Jährige.
Fußball-Welt nicht schnell auf den Kopf stellen
Wundervolle Fußballspiele und nicht politische Statements sieht er als seine Kernaufgabe und Kernkompetenz. Schnelle Versprechungen vermeidet er. «Also ich kann jetzt nicht ändern, dass jetzt irgendjemand so dämlich ist, zu glauben, dass wir mit anderthalb Trainingseinheiten die Fußballwelt einmal auf den Kopf gestellt hätten. Dann kann ich dem jetzt wirklich nicht helfen», sprudelte es wie so oft aus Klopp heraus.
Seine Ansprüche sind dennoch hoch. «Ich erwarte sofort mehr, das kann ich sagen. Mehr geht erstmal immer. Wenn es nicht organisiert ist, könnte es ein bisschen wild werden. Wild endet manchmal in Chaos. Nehme ich hin, aber lebendig muss es sein», beschrieb er seine Herangehensweise. Seine Spielidee bleibt davon unberührt. Tempo, Aggressivität - und als Maxime eine defensive Grundordnung. Stabilität ist die Basis. «Sonst fliegt dir der Laden auseinander.»