Fußball

ZDF-Doku zeigt die Wende im Leben von DDR-Fußballstars

17.09.2026, 08:57

Der Mauerfall hat das Leben von DDR-Fußballstars auf den Kopf gestellt. Statt Oberliga konnten sie fortan Bundesliga spielen. Das ZDF berichtet in einer Doku über besondere Wechselspiele des Lebens.

Von Jörg Schurig (Text) und Robert Michael (Fotos), dpa

Die ostdeutsche Trainerlegende Eduard Geyer hätte sich rückblickend den Mauerfall im November 1989 ein paar Tage später gewünscht. Dann wären seine Fußballer beim entscheidenden Qualifikationsspiel für die Weltmeisterschaft am 15. November gegen Österreich in Wien vermutlich mit einem klaren Kopf aufs Spielfeld gelaufen und nicht mit 0:3 untergegangen. Ein Unentschieden hätte gereicht.

Der Traum von der zweiten WM-Teilnahme nach 1974 war futsch, die Zukunft eines Teams und eines ganzen Landes ungewiss. «Die Bilder von Wien verlöschen nie, die hat man immer im Kopf», sagt Geyer noch 37 Jahre später. Er trug damals als DDR-Nationaltrainer Verantwortung und schrieb später mit Energie Cottbus auch Bundesliga-Geschichte. 

«Go West!» ist mehr als eine Sport-Dokumentation

Die Bilder von der Niederlage gehören zu den Schlüsselszenen der dreiteiligen ZDF-Dokumentation «Go West! Die letzte Elf der DDR». Die Serie, die ab Freitag gestreamt werden kann und am 26. September im ZDF läuft, ist mehr als eine Sport-Doku - sie ist eine Lehrstunde in Geschichte.

Jetzt sei die Distanz da, damals habe es weh getan, räumt Geyer bei der Preview der Serie am Mittwochabend in Dresden ein. Man wollte zur WM fahren, die meisten Spieler seien auch sehr ehrgeizig gewesen. Vieles habe damals aber nicht zusammengepasst. Die Dokumentation macht deutlich, dass mit dem Spiel in Wien auch der Ausverkauf im DDR-Fußball begann. Die Zeit sei sehr schwer für den Fußball im Osten gewesen, sagt Geyer. Die heutige Misere im ostdeutschen Fußball mit nur wenigen Teams in den oberen Spielklassen will er darauf aber nicht zurückführen. 

DDR-Fußballstars erinnern sich an bewegte Zeit

In der Dokumentation von Christoph Eder und Markus Brauckmann, die am 26. September im Anschluss an «Das aktuelle Sportstudio» im TV zu sehen ist, treten neben Geyer noch andere Protagonisten auf: die früheren DDR- Nationalspieler Andreas Thom, Matthias Sammer, Ulf Kirsten und Rico Steinmann, dazu Sportjournalisten, Scouts und der frühere Manager von Bayer Leverkusen, Reiner Calmund. Er hatte schon kurz nach dem Mauerfall begriffen, die Juwelen aus dem DDR-Fußball für die Werkself an Land zu ziehen. 

Bayer Leverkusen wollte sich die besten DDR-Fußballer sichern

Calmund ging generalstabsmäßig vor und schickte einen Mann aus seinem Club zum Spiel nach Wien. Er sollte als Fotograf getarnt im Innenraum des Ernst- Happel-Stadions die Adressen von Thom, Sammer und Kirsten einsammeln. Thom und Kirsten landeten schließlich in Leverkusen und waren dort lange erfolgreich. Sammer ging zum VfB Stuttgart. Calmund zufolge hatte der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) beim Bayer-Konzern sein Veto gegen den Ausverkauf des Ost-Fußballs eingelegt und die Einkaufstour gebremst. 

500.000 D-Mark Jahresgehalt für Ost-Stars

Thom war der erste DDR-Fußballer, der im Januar 1990 im Westen anheuern durfte. Ein paar Monate später folgten Sammer und Kirsten. Calmund spricht in der Doku auch über Geld. Das Jahresgehalt von Thom und Kirsten belief sich bei Leverkusen demnach auf 500.000 D-Mark pro Jahr - für Fußballer aus dem Osten eine astronomische Summe. Kirsten äußert in der Doku Unverständnis, dass es neben einer Punktprämie auch noch eine «Auflaufprämie» von 6.000 D-Mark gab - unabhängig von der Leistung. 

Calmunds Ansprache «an die Wand» und Thoms Wellensittich Hansi

Die Serie vermittelt Geschichte, die damals wie im Zeitraffer stattfand, auf unterhaltsame Art. Es gibt mehrere skurrile Szenen. Etwa als Calmund davon erzählt, wie er beim Besuch in Thoms Berliner Privatwohnung immer auch deutlich in Richtung der Wände sprach, weil er glaubte, dass ohnehin alles abgehört wird. Oder als das DDR-Fernsehen in Thoms Zuhause drehte und seinen Wellensittich Hansi vorstellte, der 142 Wörter sagen konnte - Tor und Fußball gehörten nicht dazu. 

DDR gewinnt Abschiedsspiel im September 1990 gegen Belgien

Das ZDF hat jedem Teil der Serie einen eigenen Titel gegeben: «Das große Ziel: WM 1990», «Die Jagd auf Kirsten, Sammer & Thom» und «Das Abschiedsspiel der DDR». Es fand am 12. September 1990 gegen Belgien in Brüssel statt. Trainer Geyer musste reihenweise Absagen von Spielern in seinem Kader hinnehmen, die sich gedanklich wohl schon von ihrem Heimatland verabschiedet hatten. Er reiste mit einer Rumpfmannschaft von 14 Spielern an. Die DDR gewann überraschend 2:0. Kapitän Sammer schoss beide Tore. 

Das alles wird von den Regisseuren Brauckmann und Eder in emotionalen Bildern eingefangen. Eder war zur Wende zwei Jahre alt. Zur Preview der Serie kommt er genau wie Sammer und der zweimalige Kanu-Olympiasieger Ronald Raue, der seit einigen Tagen als Staatsminister für Sport und Ehrenamt in der Bundesregierung wirkt. Zwei Teile der Doku werden gezeigt, danach moderiert Sportjournalistin Katrin Müller-Hohnstein eine Diskussionsrunde. 

Serie soll Ost-West-Dialog beflügeln

ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten leitet den Abend ein. Sie spricht von der Spaltung im Land und mahnt Zusammenhalt an. «Dazu gehört eben auch, sich zu erinnern, wie alles begann.» Sammer räumt ein, dass er bei seinem Wechsel in den Westen auch das Gefühl hatte, mit der Heimat etwas zu verlieren. Regisseur Eder hofft, dass die Dokumentation den Dialog verstärkt. Für die Menschen im Westen habe sich damals praktisch nichts verändert - für die Menschen in Ostdeutschland dagegen alles.