Deutschland
Merz und Söder schlagen neuen Christdemokraten-Fraktionschef vor
22.07.2026, 14:52
Deutschlands Kanzleramtschef Thorsten Frei soll Nachfolger des zurückgetretenen Jens Spahn an der Spitze der Fraktion der regierenden christdemokratischen Union (CDU und CSU) im Bundestag werden.
Die Vorsitzenden von CDU und CSU, Kanzler Friedrich Merz und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, schlugen den 52-Jährigen in einer Video-Konferenz des Fraktionsvorstands vor. Anschließend wurden per SMS alle 208 Abgeordneten informiert. Die werden nächste Woche Mittwoch in einer Sondersitzung entscheiden. Die Nachfolge Freis im Kanzleramt soll erst später bekanntgegeben werden, wie es aus Regierungskreisen hieß.
Der seit Mai 2025 amtierende Regierungschef Merz begründete die Personalentscheidung damit, dass Frei maßgeblichen Anteil am bisherigen Erfolg der Regierungsarbeit und der Stabilität der Koalition der Union mit der sozialdemokratischen SPD habe. «Die Reform-Erfolge der letzten Wochen sind auch sein Verdienst.» Frei komme aus der Mitte der Fraktion und werde dort «für das perfekte Zusammenspiel zwischen Parlament, Koalitionspartner und Bundesregierung sorgen».
Söder, Chef der bayerischen Schwesterpartei von Merz' CDU, unterstützte den Vorschlag des Kanzlers. Frei werde ein guter Vorsitzender der gemeinsamen Bundestagsfraktion werden. «Schon als Kanzleramtsminister oder früher als Parlamentarischer
Geschäftsführer haben wir mit ihm gut zusammengearbeitet.»
Zwei der wichtigsten Koalitionsposten werden neu besetzt
Bei der Personalrochade geht es um zwei der wichtigsten Posten im Koalitionsgefüge. Der Fraktionschef führt die 208 Abgeordneten im Parlament in Berlin, ohne die die deutsche Regierung kaum eine wichtige Entscheidung durchsetzen kann. Neben dem Kanzler ist er daher der wichtigste Koalitionsakteur auf Seite der Christdemokraten.
Der Kanzleramtschef ist der Koordinator der Regierungsarbeit auch im Zusammenspiel mit den 16 Bundesländern. Frei hatte auf diesem Posten nur schwer Fuß gefasst. Ihm wurde von einigen in der Union vorgeworfen, lieber Interviews zu geben, als die Koalitionsarbeit zu steuern. Beim Reformpaket übernahmen dann die Fraktionsspitzen selbst diese Aufgabe.
Nun kehrt Frei in die Gefilde zurück, die besser zu ihm passen, wie viele in der Union meinen. Er war in der vergangenen Legislaturperiode Parlamentarischer Geschäftsführer unter dem damaligen Fraktionschef und Oppositionsführer Merz und kennt die Arbeit an der Spitze der Unionsabgeordneten bestens.
Loyaler Merz-Vertrauter – aber hohe Erwartungen in der Fraktion
Der 52-Jährige aus dem Schwarzwald war schon nach der Bundestagswahl im Februar 2025 für den Fraktionsvorsitz im Gespräch. Merz holte seinen engen Vertrauten dann aber doch ins Kanzleramt.
Mit ihm bekommt Merz einen loyalen Vertrauten an der Fraktionsspitze – im Gegensatz zu dem unbequemeren Spahn. Unter Spahn hat die Fraktion Selbstbewusstsein getankt, ist zu einem Machtzentrum neben dem Kanzleramt geworden. Von Frei werden die Abgeordneten erwarten, dass er diesen selbstbewussten Kurs fortführt.
Was wird aus Spahn?
Spahn war am Wochenende nach wachsendem parteiinternem Druck von seinem Amt zurückgetreten. Er und sein Mann Daniel Funke hatten bekanntgegeben, mit Hilfe einer Leihmutter in den USA Eltern geworden zu sein. Das wurde kritisiert, weil Leihmutterschaft in Deutschland verboten ist und sich Spahns Partei klar gegen eine Legalisierung ausspricht. Er selbst hatte das in der Vergangenheit auch getan.
Seit seinem Rücktritt ist Spahn abgetaucht. In der Schalte des Fraktionsvorstands würdigte Merz die Leistung des Ex-Fraktionschefs. Er habe den Aufbau der Regierungsfraktion in kritischer Zeit «zielstrebig, zuverlässig und erfolgreich» vorangetrieben.
Ob Spahn zur Fraktionssitzung am Mittwoch kommt, ist ebenso offen wie die Frage, ob er sein Bundestagsmandat aufgibt. «Ich weiß es nicht, was er selbst vorhat», sagte Merz bereits am Dienstag. Er werde ihm keine Ratschläge geben.