Verdacht auf Mordserie
Ein Arzt als Serientäter? 184 Zeugen und abgehörte Gespräche
23.05.2026, 14:36
Ein Palliativarzt steht seit fast elf Monaten in Berlin wegen mutmaßlichen Mordes an mindestens 15 Patienten vor Gericht. 184 Zeuginnen und Zeugen – darunter Kollegen, Nachbarn und Angehörige der mutmaßlichen Opfer sowie Polizeibeamte – hat die Schwurgerichtskammer an bislang 46 Verhandlungstagen befragt.
Nach einer vierwöchigen Unterbrechung wird der Prozess am Mittwoch vor dem Landgericht Berlin fortgesetzt. Ein Überblick.
Welche Vorwürfe gibt es?
Dem promovierten Mediziner legt die Staatsanwaltschaft Mord aus Heimtücke und sonstigen niedrigen Beweggründen zur Last. Ohne «medizinische Indikation und ohne deren Wissen und Zustimmung» soll er zwischen September 2021 und Juli 2024 zwölf Frauen und drei Männern bei Hausbesuchen jeweils «ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente» verabreicht haben, heißt es in der 255-seitigen Anklage. Mehrmals habe er Feuer gelegt, um Spuren zu vertuschen.
Die Taten soll der Deutsche als angestellter Arzt im Bereich der ambulanten Palliativversorgung in Berlin begangen haben. Palliativteams begleiten schwerstkranke Menschen. Ziel ist es, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu erhöhen.
Wer sind die mutmaßlichen Opfer?
Als jüngstes Opfer führt die Anklage eine 25-Jährige auf, als ältestes eine 94 Jahre alte Frau. Alle waren schwerstkrank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor. Hinterbliebene wurden befragt, sie sind bis heute fassungslos. «Sie hatte Pläne, wollte mit ihrer Schwester an die Ostsee reisen – meine Mutter wollte weiterleben», sagte der Sohn einer 72-Jährigen, die am 24. Juli 2024 starb. Eine Mutter und Nebenklägerin weinte im Gerichtssaal um ihre 25-jährige Tochter. «Nie hat sie gesagt, dass sie nicht mehr leben wollte.»
Welche Indizien gibt es?
Toxikologische Gutachten: Im Zuge der Ermittlungen wurden mehrere Leichen exhumiert und rechtsmedizinisch untersucht. Zudem erstellten Experten toxikologische Gutachten, um mögliche tödliche Substanzen nachzuweisen.
Mit Tötungsabsicht soll der Arzt schwerstkranke Menschen zunächst mit einem Medikament betäubt und ihnen anschließend ein sogenanntes Muskelrelaxans gespritzt haben. Ohne künstliche Beatmung setze nach dessen Gabe innerhalb weniger Minuten die Atmung aus und der Tod trete ein, sagte ein Toxikologe im Prozess. Bei den Untersuchungen seien wiederholt Rückstände von einem Muskelrelaxans gefunden worden.
Die Ermittler werteten zudem Mobiltelefone des Arztes aus, erstellten Bewegungsprofile und prüften bei Berliner Apotheken, ob er ein Muskelrelaxans bestellt hatte.
Während der Untersuchungshaft hörte die Mordkommission den Telefonanschluss der Ehefrau des Angeklagten ab. Gespräche mit möglichem Bezug zum Fall wurden ausgewertet. Ein Kriminalbeamter zitierte dazu vor Gericht aus Protokollen. Demnach soll der Arzt seiner Frau gesagt haben, er habe «nicht wahllos getötet». Er würde immer wieder so handeln, er habe «keinen Menschen ermordet».
Teile der Aufnahmen wurden vor Gericht abgespielt. Zu hören war, wie der Arzt die Vorwürfe aus der Anklage mit seiner Frau Punkt für Punkt durchging. «Ich kann dir versichern, dass ich niemals gegen den Willen einer Patientin gehandelt habe», sagte er. Er habe immer Vorgespräche mit den Patienten geführt. Sein Vorgehen bezeichnete der Arzt gegenüber seiner Frau als «moralisches Handeln mit den falschen Mitteln» und sprach von Sterbehilfe. Medikamente seien teils aus therapeutischen Gründen, teils zum Töten eingesetzt worden.
Was weiß man über den Palliativarzt?
Der inzwischen 41-Jährige studierte in Frankfurt am Main und absolvierte zwei Facharztausbildungen. 2020 zog er nach Berlin, ist verheiratet und Vater eines Jungen.
Patienten, Angehörige und Kollegen beschrieben ihn als einfühlsam. Seine frühere Chefin sagte im Prozess, sie habe ihn zunächst «sehr zuvorkommend, sehr höflich, hilfsbereit und eifrig» erlebt. «Er wurde vom ganzen Team gelobt und geliebt.» Die Zeugin berichtete, sie und der Angeklagte hätten ab Januar 2024 in einem neu gegründeten Palliativteam eines Pflegedienstes gearbeitet. Er sei vor allem für den Bereich Berlin-Neukölln tätig gewesen.
Der Mann sitzt seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft. Zu den Vorwürfen äußerte er sich bislang nicht und verweigerte auch ein Gespräch mit einer psychiatrischen Sachverständigen. Die Gutachterin beobachtet das Verhalten des Angeklagten nun vor Gericht, hört die Angaben der Zeugen und wird am Ende der Beweisaufnahme ihre Einschätzung zu Charakter und Schuldfähigkeit des Mediziners abgeben.
Bislang ist unklar, welches Motiv der Mediziner gehabt haben könnte. Seit Bekanntwerden der Vorwürfe wird immer wieder auf seine Dissertation verwiesen. Die Promotionsschrift aus dem Jahr 2013 trägt den Titel «Warum töten Menschen?» und untersucht Tötungsdelikte zwischen 1945 und 2008 in Frankfurt am Main.
Wie geriet der Angeklagte unter Verdacht?
Auslöser der Ermittlungen waren Brände, die der Arzt gelegt haben soll, um Tötungen von Patienten zu verdecken. Zunächst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt. Dabei geriet der Angeklagte zunehmend in den Fokus. Dazu beigetragen haben laut Staatsanwaltschaft Hinweise des Pflegedienstes, für den der Beschuldigte gearbeitet hatte.
Die damalige Chefin des Angeklagten wandte sich nach eigenen Angaben an die Ermittler. Es seien überdurchschnittlich viele Patienten ihres Kollegen gestorben, sagte die medizinische Leiterin des Pflegedienstes. «Vier Leichen und vier Brände innerhalb von sechs Wochen – ich habe nicht mehr an Zufälle geglaubt», so die Zeugin.
Für den Fall richtete das Berliner Landeskriminalamt eine Ermittlungsgruppe des Morddezernats ein. Sie wertete Hunderte Patientenunterlagen aus. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage in 15 Fällen.
Wie geht es weiter?
Die Staatsanwaltschaft strebt neben einer Verurteilung des 41-Jährigen auch die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und eine anschließende Sicherungsverwahrung an. Zudem soll der Arzt ein lebenslanges Berufsverbot bekommen. Der Prozess ist bislang bis zum 10. August terminiert.
Parallel wird in mehr als 70 weiteren Fällen ermittelt. Die Staatsanwaltschaft schließt weitere Anklagen nicht aus. Der Fall könnte einer der größten bundesweit sein.
Bislang gilt eine Mordserie in Niedersachsen als die wohl größte der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv für die Taten blieb unklar. Es sei ihm um die «Gier nach Spannung» gegangen, so das Gericht damals. Zuvor war Högel bereits wegen weiterer Morde verurteilt worden.