Konjunktur
Deutsche Wirtschaft mit Mini-Wachstum trotz Iran-Krieg
22.05.2026, 14:35
Inmitten des Iran-Kriegs kommen Hoffnungssignale aus der krisengeplagten deutschen Wirtschaft. Im ersten Quartal wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt mitteilte und damit seine vorherige Prognose bestätigte.
Auch die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hellte sich überraschend auf. Der Ifo-Index ist ein Indiz dafür: Er stieg im Mai leicht um 0,4 Punkte auf 84,9 Prozentpunkte, während Analysten einen Dämpfer erwartet hatten. Was manche Ökonomen als Lichtblick werten, sehen andere nur als Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Denn mit dem Iran-Krieg steht das erhoffte Wachstum der deutschen Wirtschaft in diesem Jahr bereits auf der Kippe.
Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, sprach mit Blick auf den Ifo-Index von «ausgesprochen guten Nachrichten» angesichts der gestiegenen Ölpreise und den wirtschaftlichen Risiken. «Schon eine Stabilisierung des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers wäre eine positive Nachricht gewesen. Erfreulich ist, dass die Unternehmen sowohl ihre aktuelle Lage als auch ihren weiteren Geschäftsverlauf leicht besser einschätzen als im Vormonat.»
Der aufgehellte ifo-Geschäftsklimaindex sei ein erster Hinweis, «dass im zweiten Quartal zumindest ein Schrumpfen der deutschen Volkswirtschaft ausbleiben könnte». Doch die wirtschaftlichen Sorgen blieben groß, solange der Iran-Konflikt und die Schließung der Straße von Hormus andauerten.
Wirtschaft im ersten Quartal noch auf Wachstumskurs
Im ersten Quartal hatte die deutsche Wirtschaft noch überraschend zugelegt. Zwar ist auch das Plus von 0,3 Prozent nur ein Mini-Wachstum, doch die Erwartungen waren wegen des Iran-Kriegs deutlich pessimistischer gewesen. Der Konflikt, der Ende Februar begonnen hatte, wirkte sich im ersten Quartal aber nur begrenzt aus.
Grund für das Wachstum waren vor allem höhere Exporte, die nach Angaben der Statistiker im ersten Quartal deutlich um 3,3 Prozent zulegten. Dazu trugen die Ausfuhren von chemischen und pharmazeutischen Erzeugnissen sowie Metallen bei. Der Import stagnierte de facto (+0,1 Prozent).
Wie in den Quartalen zuvor nahmen auch die Konsumausgaben zu, sie stiegen um 0,4 Prozent zum Vorquartal. Die staatlichen Konsumausgaben wuchsen dabei um 1,1 Prozent. Die Konsumausgaben der privaten Haushalte blieben dagegen auf Niveau des Schlussquartals 2025. Sie entwickelten sich schwächer als zunächst angenommen.
Zugleich sanken die Investitionen in Ausrüstungen wie Maschinen, Geräte und Fahrzeuge (-1,1 Prozent). Bei Bauten nahmen die Investitionen noch stärker um 2,5 Prozent ab. Dies sei vor allem der ungewöhnlich kalten Witterung im Januar und Februar geschuldet, die den Baufortschritt bremste.
Kriegsfolgen treffen Wirtschaft verzögert
Mit dem Iran-Krieg haben sich die Aussichten für die kommenden Quartale jedoch eingetrübt. Bundeswirtschaftsministerium und Bundesbank rechnen mit einem Dämpfer für die Konjunktur im laufenden zweiten Quartal. «Steigende Preise, Lieferkettenprobleme und Unsicherheit belasten die Stimmung in Unternehmen und privaten Haushalten», schrieb das Ministerium jüngst. «Aber auch nach einer Entspannung der Lage dürften die Folgen bei Energie- und Rohstoffpreisen sowie Lieferketten noch länger spürbar sein.»
Die Bundesbank erwartet eine Stagnation der Wirtschaft im Zeitraum April bis Juni: «Im zweiten Quartal belasten die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten die deutsche Wirtschaft wohl breiter und spürbarer», schrieb sie.
Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ist pessimistisch. Zwar habe sich das Ifo-Geschäftsklima nach zwei Einbrüchen in Folge stabilisiert. «Aber der Trend weist weiter klar nach unten.» Er rechnet mit einem Schrumpfen der Wirtschaft im zweiten Quartal. «Mit jedem weiteren Tag, an dem die Straße von Hormus geschlossen bleibt, steigen die Konjunkturrisiken.»
Konjunkturdämpfer erwartet
Ökonomen erwarten, dass die von Rohstoffimporten abhängige deutsche Wirtschaft länger mit dem Iran-Krieg zu kämpfen haben wird. Deutlich höhere Energiepreise, besonders für Sprit an den Tankstellen, belasten Verbraucher und Unternehmen, das bremst Konsum und Investitionen.
Die Volkswirte haben ihre Konjunkturprognosen schon reihenweise gesenkt. Erst am Donnerstag hatte die EU-Kommission ihre Wachstumsprognose für Deutschland im Jahr 2026 wegen hoher Energiepreise infolge des Iran-Kriegs auf 0,6 Prozent halbiert. Die Bundesregierung rechnet noch mit einem Plus von 0,5 Prozent. Schon 2025 war Deutschland mit einem Mini-Plus von 0,2 Prozent nur knapp am dritten Jahr ohne Wachstum in Folge vorbeigeschrammt.
Nun bleibt die Hoffnung, dass sich die staatlichen Milliardenausgaben für Rüstung und Infrastruktur breiter niederschlagen und die Wirtschaft 2027 ankurbeln: Dann rechnet die Bundesregierung mit Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent. Das wäre in etwa das Plus, das Ökonomen für dieses Jahr erwartet hatten - vor dem Iran-Krieg.