Geschichte
Sudetendeutscher Tag in Tschechien: Provokation oder Chance?
22.05.2026, 14:34
Für die einen ist es eine «politische Provokation», für die anderen ein «Friedensfestival» und ein Zeichen der Aussöhnung zwischen Deutschen und Tschechen: Tausende Sudetendeutsche und ihre Nachfahren sind mehr als 80 Jahre nach der Vertreibung nach Tschechien gekommen, um erstmals in der verlorenen Heimat ihr traditionelles Pfingsttreffen zu begehen. Der am Freitag begonnene Sudetendeutsche Tag in der Universitätsstadt Brünn (Brno) dauert noch bis Montag.
Treffen polarisiert die Gesellschaft
Wenige andere Fragen haben in letzter Zeit die Gemüter in Tschechien so entzweit wie diese Veranstaltung. «Das ist eine unglückliche Angelegenheit», sagte der rechtspopulistische Regierungschef Andrej Babis. Es gebe noch eine Generation von Leuten, die sich keineswegs mit den Vertriebenen ausgesöhnt habe. Tschechiens Außenminister Petr Macinka warnte sogar: «Diese Aktion wird weder für die eine noch für die andere Seite einen positiven Ausklang haben.»
Nach dem Zweiten Weltkrieg und den Schrecken der nationalsozialistischen Besatzung wurden rund drei Millionen Deutsche aus der damaligen Tschechoslowakei vertrieben. Die meisten fanden in der Bundesrepublik und der damaligen DDR eine neue Heimat. Hauptaufnahmeländer waren Bayern, Hessen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bayern übernahm 1954 die Schirmherrschaft über die Volksgruppe.
Dialog am langen Tisch
Den Anfang machte in Brünn ein Begegnungsfest im Stadtzentrum. An einem «langen Tisch» trafen sich Vertriebene und neugierige, überwiegend junge Tschechen zum gemeinsamen Zusammensitzen und Dialog. Dazu gab es am Freitag Musik- und Tanzaufführungen. «Für mich ist das der größte Tag seit der Wende», sagte ein 73-jähriger Teilnehmer aus Bayern, selbst Sohn eines Tschechen und einer Deutschen.
«Wir möchten zur Versöhnung beitragen, wir wollen an einem gemeinsamen Europa arbeiten», sagte ein ehrenamtlicher Helfer aus Brünn. Eine Gruppe von Jugendlichen bekam eigens schulfrei. Überschattet wurde die Aktion von vereinzelten Gegenprotesten. Am Messegelände folgten rund 200 Menschen einem Aufruf der Kommunisten und bauten eine symbolische Barrikade aus Pappkartons. «Sudetendeutsche kommen hier nicht durch», stand darauf. Polizei und private Sicherheitskräfte zeigten Präsenz.
Mehrheit der Abgeordneten gegen das Vorhaben
Fast schien es, als könnte der Sudetendeutsche Tag in Brünn im letzten Moment noch platzen. Vor rund einer Woche stellte sich das tschechische Abgeordnetenhaus mit einer Entschließung auf Initiative des Parlamentspräsidenten Tomio Okamura und seiner ultrarechten Kleinpartei Freiheit und direkte Demokratie gegen das Vorhaben. Darin wurden die Veranstalter aufgerufen, sich einen anderen Ort zu suchen. Man verurteile «jegliche Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen und jegliche Infragestellung der Rechts- und Eigentumsverhältnisse» in Tschechien.
«Wir halten selbstverständlich an dem Vorhaben fest», sagte der Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe, Bernd Posselt. Er verwies auf zahlreiche Solidaritätsbekundungen von Intellektuellen, Schriftstellern und Oppositionspolitikern.
Posselt sieht großen Rückhalt
«Also ich bin zutiefst beeindruckt von dem Ausmaß an Rückhalt, das wir haben», sagte der Politiker. «Wir sind geprägt von Liebe zu diesem Land. Und das merken auch sehr viele Tschechen», sagte der frühere Europaabgeordnete. Posselt hatte 2015 gegen Widerstände eine Satzungsänderung der Landsmannschaft durchgesetzt: Sie verzichtete auf ihre Forderungen nach «Wiedergewinnung der Heimat» und Rückgabe des beschlagnahmten Eigentums.
Wie es dazu kam
Die Vorgeschichte der Vertreibung ist komplex: Mit der Auflösung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg wurden Deutschböhmen, Deutschmähren und Deutschschlesier Bürger der Tschechoslowakei. Viele von ihnen identifizierten sich aber nicht mit dem neuen Staat. Konrad Henlein und seine Sudetendeutsche Partei propagierten die Angliederung an Hitler-Deutschland.
Mit dem Münchner Abkommen von 1938 musste die Tschechoslowakei die Sudetengebiete abtreten. Im März 1939 marschierte die Wehrmacht in Prag ein und errichtete eine Terrorherrschaft im sogenannten «Protektorat Böhmen und Mähren». Nach dem Krieg orientiert sich die wiedergegründete Tschechoslowakei politisch nach Osten.
Die Dekrete des Präsidenten Edvard Benes wurden zur Grundlage für die Enteignung der deutschen Minderheit. Bei der Vertreibung kam es zu Gewaltexzessen. Beim «Brünner Todesmarsch» wurden rund 27.000 Deutsche aus der Stadt zur österreichischen Grenze getrieben. Mehr als 2.000 Menschen, überwiegend Frauen, Kinder und Ältere, überlebten die Strapazen nicht. Zum 21. Mal erinnert an diesem Samstag ein Versöhnungsmarsch in umgekehrter Richtung an die Geschehnisse.
Festival fördert den Dialog
Dieser Versöhnungsmarsch war auch eine der Keimzellen des Dialogfestivals «Meeting Brno», das die in Tschechien lange als revanchistisch verschrienen Sudetendeutschen nach Brünn eingeladen hat. Die letzten Wochen hätten gezeigt, dass es im Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen noch viel abzuarbeiten gebe, sagte dessen Mitbegründer David Macek: «Nach unserer Erfahrung gibt es keine bessere Therapie als das Angebot einer persönlichen Begegnung.»
Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Tschechiens Präsident Petr Pavel meldeten sich zu Wort. «Tschechien und Deutschland verbindet heute eine außergewöhnlich enge und starke Partnerschaft», hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. «Wir legen großen Wert auf den Pfad der Versöhnung, den unsere Nationen nach einem dunklen und schmerzhaften Kapitel unserer Geschichte beschritten haben.»