Musik
Engels' «Fire» zündet nicht: Deutschland ESC-Vorvorletzter
17.05.2026, 08:59
Mal kein letzter oder vorletzter Platz, sondern ein vorvorletzter: Sarah Engels hat für Deutschland beim Eurovision Song Contest den 23. Platz geholt. Selten sah man jedoch eine so gefasste und charmante Verliererin.
«Es kriegt mich auch keiner nicht-positiv», sagte Engels kurz nach der Show ins ARD-Mikrofon. Und etwas später ergänzte sie: «Ich möchte nicht, dass Deutschland traurig ist.»
Zugleich deutete die Sängerin an, dass Deutschlands latente ESC-Krise wohl tiefer reiche als ein einzelner Auftritt. «Ich glaube, das ist kein Geheimnis, dass Deutschland generell es sehr, sehr schwer hat beim Eurovision.»
Die 33-Jährige war mit der feurigen Dance-Nummer «Fire», einem Song, der Frauen empowern will, angetreten. Die Bundesregierung gab dem ganzen was von einer nationalen Mission, jedenfalls war sogar Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) extra nach Wien gereist.
Nach Platz 15 im letzten Jahr und Rang 12 im Jahr davor, ist Deutschland aber wieder abgestürzt und zurück in den 20ern, was die Platzierung angeht. Seit 2015 war Deutschland siebenmal auf dem letzten oder vorletzten Platz gelandet. Das war zuletzt immer unter der Ägide des NDR passiert.
SWR ist «natürlich enttäuscht über die Platzierung»
Nach einigen Jahrzehnten übergab der Sender für 2026 nun aber die ESC-Federführung an den SWR. Ändert aber nix an der alten Devise: Willst du Deutschland oben sehen, musst du die Tabelle drehen.
SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler gab nach der Show zu, man sei «natürlich enttäuscht über die Platzierung, auch wenn für uns diese eine Zahl nicht im Fokus stand».
Die Mutmaßungen über die angeblich ungeliebte (Kultur-)Nation Deutschland in der Mitte Europas, die niemand siegen sehen wolle, werden jedes Mal schnell hervorgekramt. Seit Jahren kämpft die Bundesrepublik beim ESC gegen eine Mischung aus schwachen Ergebnissen und hohen Erwartungen an.
Dabei wird oft außer Acht gelassen, dass der ESC ein ganz eigener Kosmos von Musikmoden und Zeitgeist-Wellen ist - und es oft einfach auch nur am Lied liegt, das vielleicht nicht im richtigen Jahr mit der richtigen Performance auf der Bühne erscheint.
«Es lag nicht an ihr, es lag wirklich an dem Lied»
Nach der Show analysierte ESC-Experte Thomas Hermanns in der ARD wie ein Bundesliga-Coach nach einer Niederlage: «Ich fand, es lag nicht an ihr, es lag wirklich an dem Lied.» Es klang ein wenig wie: Die Einstellung hat gestimmt, aber wir hatten die falschen Schuhe an.
Andererseits ist spätestens seit diesem Jahr allen klar: Der ESC ist eben auch nicht nur Musik - oder es kommt aufs Land an, ob Politik, Sympathie, Solidarität womöglich mehr zählt als Kunst.
Der Boykott bedeutender ESC-Länder wie Spanien und Niederlande drohte zeitweise aus dem Spaß, den der ESC verbreiten soll und will, Ernst zu machen. Israels Teilnahme polarisiert seit Jahren enorm.
Die einen sagen, sie könnten es kaum ertragen, das kriegführende Land bei einer Unterhaltungsshow mitmachen zu sehen. Die anderen sagen, die Argumente gegen Israel, das sich gegen Terror und Angriffe wehre, seien unfair und in ihrer Struktur auch schnell mal judenfeindlich.
Auf das antisemitische Klischee, dass der jüdische Staat mit geheimem Geschacher hinter den Kulissen arbeite, spielte der israelische Punktesprecher in der Finalshow ein: Mentalist Lior Suchard in Tel Aviv tat so, als habe er das Endergebnis schon in einem Umschlag, verrate es aber nicht.
Deutsches Televoting sah Israel vorne
Das deutsche Televoting sah Israel wieder auf Platz eins. Deutschlands Höchstpunktzahl 12 ging an Israel. Durch die getrennt vergebenen Jury- und Publikum-Votes hatte Israel am Ende 343 Punkte, nur übertroffen von Bulgarien - das aber sehr eindeutig mit 516 Punkten.
Immerhin: Erstmals seit Jahren sahen Jurys und Publikum wieder dasselbe Lied vorn, nämlich das wirklich auffällige «Bangaranga» aus Bulgarien von der 27 Jahre alten Interpretin Dara. Das Lied ist einfach total 2026: Balkan-Beats, K-Pop, Club-Sounds, ein bisschen Tanz auf dem Vulkan, laut gegen eine irre Welt.
Seit ihrer Wiedereinführung vor mehr als 15 Jahren waren die Jurys nicht immer das Zünglein an der Waage. Doch gerade in den vergangenen beiden Jahren war der ESC auffällig weit von einem Einklang von Jury- und Tele-Voting entfernt. Zuletzt hatten die Jurys das Endergebnis sehr beeinflusst, was teils Debatten über die mächtigen ominös besetzten Grüppchen ausgelöst hatte.
2024 war Sieger Nemo aus der Schweiz beim Publikum nur Fünfter, 2025 JJ aus Österreich nur Vierter. Hätte das Publikum allein das Sagen gehabt, hätte 2024 Kroatien statt der Schweiz gewonnen und 2025 Israel statt Österreich. Jedes Mal hatte sich das Jury-Vote mit besonders vielen Punkten für den Sieger durchgesetzt. Diesmal war Europa aber eben wieder im Einklang.
Sarah Engels findet Bulgariens Siegersong «geil»
Und auch Sarah Engels sagt, sie könne bestens leben mit dem bulgarischen Sieg: Der Song aus Bulgarien sei einfach gut. «Ich find' den geil. Ich mag Dara, die ist sexy. Ich mag den Song. Also ich bin sehr stolz auf sie.»
Von dem in Deutschland verantwortlichen SWR hieß es, der Überraschungssieg Bulgariens zeige, dass Erfolg nicht planbar sei. An der deutschen Tradition, den ESC-Teilnehmer durch das TV-Publikum auswählen zu lassen, sehe er zunächst keinen Änderungsbedarf, sagte Programmdirektor Bratzler. Doch auch eine sender-interne Auswahl sei künftig im Bereich des Möglichen.