Gewalt im Fußball

Fan-Eklat in Dresden: Innenminister will «kein Pardon mehr»

6.04.2026, 15:27

Die Ausschreitungen bei Dynamo-Hertha könnten Folgen für die gesamte Debatte um Fan-Verhalten und Stadionverbote haben. Die Geduld von Sachsens Innenminister ist am Ende.

Von Frank Kastner, Arne Richter und Jörg Schurig, dpa

Der Schock bei Dynamo Dresden sitzt tief, die Folgen des Fan-Platzsturms im Spiel gegen Hertha BSC könnten für den gesamten deutschen Fußball gravierend sein. Die massiven Ausschreitungen beim Zweitligaspiel sind eine schwere Belastung im Ringen von Fan-Vertretungen, Verbänden und Politik um Stadionsicherheit.

«Nach diesem erneuten Skandalspiel kann es für die weiteren Verhandlungen oder Gespräche kein Pardon mehr geben. Meine Geduld hat hier endgültig ein Ende», sagte Sachsens Innenminister Armin Schuster (Christdemokraten) der Deutschen Presse-Agentur. Die Vorkommnisse stünden symbolisch für eine «Gewaltfolklore» in deutschen Fußballstadien und stellten den gesamten bisherigen Verhandlungsweg mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) infrage, erklärte Schuster weiter.

DFL und DFB sind bestürzt

Die beiden Dachverbände verurteilten die Geschehnisse in großer Deutlichkeit. Eine schnelle und konsequente Aufarbeitung sei geboten und im Sinne aller 36 Clubs, teilte die DFL der Deutschen Presse-Agentur mit. «Die einzigartige Fankultur in Deutschland gerät durch Gewalttäter wie beim Spiel zwischen Dynamo Dresden und Hertha BSC Berlin in Verruf», sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf der dpa. Die Szenen seien «vollkommen indiskutabel, der Fußball ist an diesem Tag leider zur Nebensache geworden», fügte Neuendorf hinzu.

Krawalle sind Thema der nächsten Innenministerkonferenz

«Die Ergebnisse einer präzisen Aufarbeitung dieses Spiels durch die Vereine und die Stadt in Zusammenarbeit mit der Polizei lasse ich mir persönlich vorlegen», betonte Schuster. Der Charakter einer kommenden Innenministerkonferenz werde auch maßgeblich davon geprägt sein, «wie drakonisch die Konsequenzen sind, die aus diesen Krawallexzessen gezogen werden», betonte Schuster.

Er sah in der Vergangenheit Rechnungen an die Clubs für Polizeikosten als den falschen Weg an, doch der Druck steigt immer weiter. Die Minister treffen sich im Juni wieder, doch schon bei der vergangenen Runde Mitte März auf Norderney hatten die Länder-Sportminister ein stärkeres Entgegenkommen von DFB und DFL verlangt.

Die DFL stellte fest, man setze sich seit Monaten für sinnvolle und vertretbare Sicherheitsmaßnahmen ein, um die hohe Sicherheit in den Stadien zu stärken und die positive Fankultur zu wahren. «Diese Vorfälle gefährden Fankultur und den gesamten Fußball», unterstrich der Dachverband.

«Unsere Kurve» wirft Schuster Verallgemeinerung vor

Die Fan-Organisation «Unsere Kurve» verwahrte sich dagegen, Pyrotechnik als Waffe einzusetzen. «Auch Gewalt ist im Stadion nicht zu tolerieren», hieß es in einer Stellungnahme an die Deutsche Presse-Agentur. Es könne aber ebenfalls nicht sein, dass das Verhalten einiger weniger zum Maßstab für 25 Millionen Fußballfans in den Stadien gemacht werde.

Schusters Einordnung folge einem bekannten Muster. Einzelne, besonders prägnante Bilder würden herausgegriffen und anschließend zur allgemeinen Bewertung der Fankultur im deutschen Fußball überhöht. «Fakt ist, dass unmittelbar vor den bekannten Bildern erneut Werbung für den deutschen Fußball und seine Fankultur gemacht wurde», hieß es. Die Fan-Organisation nannte «sensationelle Choreografien auf beiden Seiten, mustergültig eingesetzte Pyrotechnik ohne Schäden oder gar Verletzte und eine Atmosphäre, um die man den deutschen Fußball im Ausland beneidet».

Letztlich verhinderten am Samstagabend 750 Polizisten aus Bayern und Thüringen sowie der Bereitschaftspolizei Sachsen Schlimmeres, auch einen möglichen Abbruch in der ersten Hälfte. Das Spiel wurde fortgesetzt, die Gäste aus Berlin gewannen 1:0. Bei der Polizei sind mehrere Ermittlungsverfahren gegen Fans anhängig. Der DFB kündigte an, nach den Osterfeiertagen Ermittlungsverfahren gegen die Clubs einzuleiten.

Dynamo: Schwer, für Faninteressen einzustehen

Dynamos Sport-Geschäftsführer Sören Gonther reagierte geschockt. «Es torpediert, was wir uns rundherum erarbeiten, mit Fanvertretern, Vereinsvertretern, DFL, Polizei und so weiter. Alle arbeiten seit Monaten daran, ein sicheres Stadionerlebnis zu garantieren. Und das nimmt uns als Verein jegliche Argumentation, für Faninteressen einzustehen», sagte Gonther im Sport1-«Doppelpass» - zumal Dresdner Fans in den vergangenen Jahren immer wieder negativ auffielen.

Für seinen kaufmännischen Geschäftsführer-Kollegen Stephan Zimmermann sind die «Bilder nicht akzeptabel und schaden nicht nur unserem Verein, sondern dem gesamten Fußball in Deutschland massiv. Da sind solche Szenen ein absoluter Schlag ins Kontor», betonte er. 

Bei dem Spiel wurde zunächst von beiden Seiten Pyrotechnik gezündet. Danach kletterten Anhänger beider Teams über die Zäune. Dresdner Anhänger rannten vermummt entlang des Spielfeldes zum Hertha-Fanblock. Dabei kam es zu einem kurzen Aufeinandertreffen beider Fangruppen, bei dem es zum Einsatz von Pyrotechnik als Wurfgeschossen kam.

Hertha: «Wasser auf die Mühlen der großen Kritiker»

Schiedsrichter Sven Jablonski musste die Zweitliga-Begegnung ein zweites Mal unterbrechen und schickte die Teams nach den Krawallen in die Kabine. Eine Hundertschaft Polizisten drängte dann die Dynamo-Anhänger zurück in ihren Block. Dort wurde eine Hertha-Fahne abgebrannt. 

Auch das Fehlverhalten der Berliner Fans, die über die Absperrungen sprangen und zuerst Pyrotechnik zündeten, war offenkundig. «Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der großen Kritiker. Das ist uns bewusst», sagte Geschäftsführer Peter Görlich. Die Geschehnisse entsprächen nicht seinem «Wertegerüst». Hertha-Trainer Stefan Leitl bezeichnete die Vorkommnisse als «Schande für den deutschen Fußball». 

Die Berliner kündigten an, die Sicherheitsbehörden bei der Aufklärung der Vorfälle unterstützen zu wollen. Man wolle den Ermittlungen aber nicht vorgreifen oder sich an Spekulationen beteiligen. Zudem sieht der Club einen Austausch «mit der aktiven Fanszene, in dem die Ereignisse kritisch aufgearbeitet werden, als dringend geboten an.»