Natur

Neue Bäume, mehr Vielfalt: Der Wald von morgen muss sich wandeln

14.03.2026, 10:11

Der Klimawandel setzt dem Forst zu. Für Experten ist klar: Dieses Ökosystem verändert sich. Warum der Wald der Zukunft anders aussehen und sogar anders riechen wird.

Von Marc Fleischmann, dpa

Der Wald ist mehr als nur eine Ansammlung von Bäumen: Er bindet Kohlenstoff, speichert Wasser, schützt Böden und bietet zahlreichen Tierarten einen Lebensraum. Doch der Wald steht vor gewaltigen Herausforderungen: Der Klimawandel mit zunehmenden Trockenphasen und Schädlinge verändern das Ökosystem. Zum Internationalen Tag des Waldes (21. März) ein Blick in die Zukunft.

Fachleute skizzieren, wie sich der Wald entwickeln könnte. Die gute Nachricht der Experten vorweg: Es dürfte in 50 Jahren einen Wald geben, der vielfältiger, lichter und in seiner Erhaltung deutlich anspruchsvoller ist.

Wie Anpassung und Waldumbau funktionieren können

Um den Wald anzupassen und langfristig auf den Klimawandel zu reagieren, braucht es die Zusammenarbeit von Forstwirtschaft, Politik und Gesellschaft.

Nach Ansicht der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) kann es nur so gelingen, den Wald durch aktive Eingriffe zukunftsfähig zu machen. Das sei das erklärte Ziel der Forstverwaltungen und staatlichen Forstbetriebe.

Silvio Schüler, Leiter des Institutes für Waldwachstum, Waldbau und Genetik am österreichischen Bundesforschungszentrum für Wald (BFW), sieht bereits Fortschritte beim Umbau des Waldes. Einen Beleg dafür sieht er im Boom der Eiche: Sie würden den Baumschulen förmlich «aus den Händen gerissen», so Schüler. Die Eiche gilt als eine der wichtigsten heimischen Arten, die besser mit Trockenheit und Wärme umgehen kann als etwa die Fichte. 

Die Forstwirtschaft setzt beim langfristigen Waldumbau auf artenreiche Mischwälder mit mehreren stabilen Baumarten. Neben Eichen sind das etwa seltenere heimische Arten wie Elsbeere, Speierling, Feldahorn und Vogelkirsche. Für die Experten der LWF aus Bayern sollten idealerweise mindestens vier verschiedene Baumarten pro Bestand gemischt werden.

In wärmeren Regionen Deutschlands wie etwa im Oberrheingraben im Südwesten werden der LWF zufolge zunehmend auch submediterrane Arten wie Zerreiche, Edelkastanie oder Orientbuche diskutiert. Auch die Douglasie gilt als Hoffnungsträger, da sie im Gegensatz zur Fichte «besser mit Trockenheit umgehen kann», sagt Schüler. Als weitere Optionen nennt der Institutsleiter südlichere Arten wie die ungarische Eiche oder Tannen aus Kalabrien.

Der Umbau erfordert aber Geduld. Die LWF-Experten weisen darauf hin, dass der Waldumbau eine Aufgabe für Generationen sei, die sich über viele Jahrzehnte bis hin zu einem Jahrhundert erstrecken könne. Erste Veränderungen könnten nach 20 bis 30 Jahren sichtbar sein. Der Waldumbau stellt aber auch eine finanzielle Herausforderung dar. Schüler rechnet mit tendenziell höheren Kosten.

Daneben gibt es für den Institutsleiter einen weiteren wichtigen Punkt, den er als eines der «dicksten Bretter» bezeichnet: Schüler wünscht sich eine bessere Zusammenarbeit von Forstwirtschaft und Jagdwesen. Hintergrund: Wildtiere wie Rehe und Hirsche fressen bevorzugt junge Bäume wie Eichen, die für die Klimaanpassung wichtig sind. Die LWF nennt angepasste Wildbestände als eine der entscheidenden Voraussetzungen für einen erfolgreichen Waldumbau.

Wenn der Klimawandel natürliche Systeme überfordert

Und was passiert, wenn der Waldumbau nicht funktioniert? Studien zeigen, dass rund ein Drittel aller europäischen Baumarten in Zeiten des Klimawandels gefährdet sind. Die LWF hält es für durchaus realistisch, dass der Klimawandel die natürliche Anpassungsfähigkeit der Bäume überholt. Eine steigende Anzahl warm-trockener Extremjahre wären eine Belastung.

Dauerhaft zu hohe Temperaturen und zu wenig Wasser stresse den Wald und bringe heimische Bäume ans Limit: Besonders wirtschaftlich wichtige Arten wie Fichte, Waldkiefer oder Buche zeigen der LWF zufolge bereits messbare Schäden. Schüler prognostiziert, dass selbst die Buche, die bisher als Hoffnungsträgerin gehandelt wurde, an ihre Grenzen kommen könnte: An extremen Standorten könnte sie nach seinen Worten künftig nur noch 20 Meter statt wie bisher bis zu doppelt so hoch werden und «regelmäßig Teile ihrer Krone verlieren».

Dazu gibt es ein erhöhtes Risiko durch Schädlinge: Gefährlich ist etwa der Buchdrucker. Der Borkenkäfer, der bevorzugt Fichten befällt, pflanze sich bei höheren Temperaturen schneller fort, erläutert die LWF. Das erhöhe das Risiko für großflächige Schäden. 

Grundlegend sehen Experten einen Konflikt zwischen Klimaschutz und Klimaanpassung der Wälder. Denn ein lichterer, resilienterer Wald kann weniger CO2 speichern. Ein Wald mit nur noch 150 statt 400 Bäumen pro Hektar bedeutet zwangsläufig weniger Holzvolumen und damit weniger Kohlenstoffspeicherung.

Schon heute hat sich das Bild gedreht: Die jüngste Bundeswaldinventur ergab, dass der Wald in Deutschland mittlerweile durch die enormen Schäden mehr Kohlenstoff abgibt als er aufnehmen kann – also nicht mehr zum Erreichen der Klimaziele beiträgt, sondern sie sogar erschwert.

Der Wald wird auch anders aussehen

Der Wald der Zukunft wird sich also grundlegend verwandeln. Es handelt sich um einen Prozess, der den LWF-Experten zufolge bereits stattfindet. Beispiele sind das großflächige Aussterben von Arten wie Ulme oder Esche. 

Der neue Wald wird sich auch optisch stark unterscheiden. Die LWF erklärt, dass besonders trockenheitstolerante Eichenmischwälder häufig lichter und artenreicher sein werden als heute. Langfristig liege der Fokus vermutlich stärker auf der Stabilität und dem Erhalt der Waldfunktionen als auf der reinen Maximierung des Holzertrags, prognostiziert die Landesanstalt.

Die Bürger in Deutschland werden sich wohl vom gewohnten Bild dunkler Nadelwälder verabschieden müssen. Das werde für viele Menschen als «Gewohnheitstiere» sicher nicht einfach werden, vermutet Schüler. Egal, wie der Umbau ausgeht, der Institutsleiter stellt klar: «Der Wald wird auch in Zukunft existieren, aber er wird anders aussehen, anders riechen und seine heutigen Funktionen möglicherweise nicht mehr im selben Ausmaß wahrnehmen können.»